Transparenz:
Dieser Beitrag entstand freiwillig und aus persönlichem Interesse im Rahmen eines Interviews mit Autorin und Lyrikerin Julia Kulewatz, die am 8. Oktober 2026 als Gast der Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ von Robert Corvus zu erleben ist.
Als Kulturpartnerin unterstütze ich die von Robert Corvus organisierte Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ und möchte mit diesem Interview sowohl Julia Kulewatz und die unterschiedlichen Seiten ihres literarischen Schaffens näher vorstellen als auch auf die Veranstaltung aufmerksam machen.
Der Beitrag ist weder bezahlt noch gesponsert, wird jedoch vorsorglich als Werbung beziehungsweise Kooperation gekennzeichnet, da er potenziell das Interesse an Julia Kulewatz, ihren Werken, kul-ja! publishing sowie an der Lesungsreihe wecken oder den Besuch der Veranstaltung fördern könnte. Meine persönliche Meinung bleibt davon selbstverständlich unbeeinflusst.
Literatur im Lindenwirt 2026
Lyrik von Nacht und Tiefsee – Julia Kulewatz zu Gast bei Robert Corvus
Nach den Werwölfen, Hexen und Monstern von Madeleine Puljic beziehungsweise Nina Hirdt im September geht die Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ am 8. Oktober 2026 in die nächste – und zugleich letzte – Runde der diesjährigen Lesungsreihe. Und dieses Mal erwartet die Besucherinnen und Besucher ein Literaturabend, der noch einmal eine ganz andere Seite der Literatur in den Mittelpunkt stellt: Lyrik von Nacht und Tiefsee.
Zu Gast bei Robert Corvus ist Julia Kulewatz – Schriftstellerin, Lyrikerin, Literaturwissenschaftlerin, Verlegerin und Dozentin. Entsprechend vielseitig ist auch ihr literarisches Schaffen, das von Romanen und Kurzgeschichten über literarische Miniaturen bis hin zur Lyrik reicht.
Dabei beschäftigt sie sich immer wieder mit Sprache und ihrer Wirkung, mit Bildern, Klängen und unterschiedlichen Formen des Erzählens. In ihrer Lyrik begegnen uns unter anderem die Nacht und das Meer, aber auch mythologische Motive sowie Themen wie Heimat und Fremdsein, Traum und Trauma oder Sprachlosigkeit.
Doch Julia schreibt nicht nur selbst. Sie beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit Literatur, unterrichtet kreatives Schreiben und gründete 2019 mit kul-ja! publishing ihren eigenen Verlag. Damit betrachtet sie Literatur aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – als Autorin ebenso wie als Literaturwissenschaftlerin, Lehrende und Verlegerin.
Für mich war deshalb schnell klar, dass ich in meinem Interview nicht nur mehr über „Lyrik von Nacht und Tiefsee“ erfahren möchte. Mich interessierte ebenso, wie Julia selbst zur Literatur und zum Schreiben gefunden hat, welchen Einfluss ihre unterschiedlichen Tätigkeitsfelder aufeinander haben und wie es sich anfühlt, auf der einen Seite eigene Texte zu schreiben und auf der anderen als Verlegerin die Werke anderer Autorinnen und Autoren zu begleiten.
Natürlich sprechen wir auch über Lyrik und Sprache, darüber, was Julia an Nacht, Meer und alten mythologischen Stoffen fasziniert, und darüber, was die Besucherinnen und Besucher bei ihrem Auftritt im Lindenwirt erwartet.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!

Interview mit Julia Kulewatz
Literatur im Lindenwirt
Du bist Schriftstellerin, Lyrikerin, Literaturwissenschaftlerin, Verlegerin und Dozentin – vielleicht kennen dich aber noch nicht alle meine Leserinnen und Leser. Wie würdest du dich und dein literarisches Schaffen jemandem vorstellen, der dir bisher noch nicht begegnet ist?
Vielen Dank zunächst einmal für die wohl durchdachten und wertschätzenden Interviewfragen, liebe Elchi.
Wenn man das so liest, klingt das selbst für mich nach viel, aber natürlich sind das auch alles Teilgebiete, die ineinander übergehen und sich bestenfalls gegenseitig befruchten.Tatsächlich schreibe ich ja schon sehr lange, mein Literaturwissenschafts- und Philosophiestudium hat mein literarisches Schreiben eher unterbrochen, das hat sich dann erst mit meiner Studienfortsetzung in Korea wieder befreit.
Es ist niemals leicht, das eigene Schaffen in Worte zu fassen. Das können andere bestimmt besser als ich und ich freue mich, dass es mein Autorenkollege Robert Corvus am 08. Oktober in seiner Lesungsreihe im Lindenwirt wagen will.
Ansonsten ist mein Rat, und das gilt nicht nur für meine Literatur, einfach mit dem Bauchgefühl zu entscheiden und zu dem Buch, zu der Lektüre zu greifen, die gerade ruft (sämtliche Vorurteile und Vorabbewertungen über Bord), ganz egal, ob da nun Lyrik, Fantasy-Roman, Science-Fiction, theoretische Betrachtung, Lied, Flash-Fiction oder Short Story draufsteht.
Erinnerst du dich noch daran, wann du selbst angefangen hast zu schreiben? Gab es einen bestimmten Moment, in dem du gemerkt hast, dass Literatur für dich mehr sein würde als nur eine Leidenschaft?
Ehrlich gesagt habe ich nie Zeit darauf verschwendet zu reflektieren, wann das literarische Schreiben für mich eingesetzt hat. Ich halte das Wann diesbezüglich irgendwie gar nicht für relevant. Sicherlich hat sich einiges früh und schon zu Schulzeiten oder sogar noch davor gezeigt, aber auch da hatte für mich anderes mehr Relevanz. Für mich birgt diese obligatorische Frage zudem ein seltsames Gedankenkarussell, das ich als Klischee weder besteigen noch bedienen will.Vielleicht ist zu bemerken, dass das literarische Schreiben bei mir etwas abgelöst hat, denn zuvor war ich vor allem als bildende Künstlerin tätig und wurde auch als solche wahrgenommen. Diese Vergangenheit kommt mir jetzt sehr für meine Arbeit als Verlegerin zugute, insbesondere wenn ich bspw. Kunst für Gedichte auswähle oder ein Cover gestalte.
Als ich mit Malen aufgehört habe, und ja, es gab einen Anlass, habe ich mich dafür auf das Schreiben konzentriert. Obwohl ich mich schwer damit getan habe, zu veröffentlichen. Die Frage nach Veröffentlichung hatte sich für mich zunächst überhaupt nicht gestellt. Also habe ich geschrieben und geschrieben, einfach so, um die Metapher zu gebrauchen: viele Schubladen voll. In dieser Zeit habe ich im Goethe Institut Korea selbst Künstler und Autoren begleiten und deren Arbeit einschätzen dürfen. Als ich eines Tages die dreisprachige Nobelpreislesung für Herta Müller ausgerichtet habe, hat mich jemand, dessen Meinung mir stets am Herzen lag, unverhofft gefragt: „Warum bist du dir eigentlich so verdammt sicher, dass du nicht selbst Schriftstellerin bist?“ Damals habe ich darüber gelacht. Heute wünschte ich, dass er mich jetzt lesen könnte …
Du hast Literaturwissenschaft und Philosophie, aber auch Modezeichnen und Choreografie studiert. Das sind auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Bereiche. Wie stark fließen diese verschiedenen Perspektiven heute in dein Schreiben ein?
Für mich ist das alles miteinander verbunden, und zwar ganz direkt über die jeweilige sprachliche Poetizität der Künste als ein codiertes System. Demnach fließt das auch in mein Schreiben ein, oder besser, mein Schreiben hat Anteil an anderen Sparten, hat keine Berührungsängste, öffnet sich. Meine Lyrik wird z. B. als „theaternah“ beschrieben, und das stimmt natürlich, wie wir insbesondere bei den Tiefseegedichten sehen können. Da gehört für mich auch ein Ausdruck über den Körper dazu. Ich weiß mit den Bildern in meinem Kopf auch, wie sich Nereiden, die ja wortwörtlich mit „Wellen“ übersetzt werden, bewegen würden, oder welche Art von Musik sie verkörpern könnten. Selbiges gilt sicherlich für meine Sturm- und Nachtgedichte.
Du schreibst Romane, Kurzgeschichten, literarische Miniaturen und Lyrik. Was entscheidet darüber, welche Form eine Idee bei dir bekommt? Weißt du von Anfang an, ob etwas ein Gedicht, eine Erzählung oder vielleicht ein längerer Prosatext werden soll?
Bei mir trifft die Form stets zugleich eine inhaltliche Aussage, wenn sie nicht sogar maßgebend für den entstehenden Text ist, demnach steht sie von Anfang an fest.
Gibt es eine dieser literarischen Formen, in der du dich besonders zu Hause fühlst, oder brauchst du gerade den Wechsel zwischen ihnen?
Ich fühle mich in allen Textformen zu Hause und probiere mich da auch gerne aus, indem ich textuelle Herausforderungen suche. Da möchte ich mich gar nicht festlegen und auch nicht festgelegt werden. Interessant ist, dass mir oft gerade die literarische Sparte zugeschrieben wird, die für den jeweiligen Rezipienten gerade präsent erscheint oder am meisten berührt. Momentan sind das wohl meine Gedichte.
Was steht bei einem neuen Text meistens am Anfang: ein Bild, ein einzelnes Wort, ein Gefühl, ein Klang, eine Beobachtung oder vielleicht etwas ganz anderes?
Oft der Titel selbst. Arbeitstitel gibt es bei mir selten und ich gehöre nicht zu den Autoren, die um Worte ringen. Manchmal ist in meinem Kopf ein einziges Wort zu einem ganzen Universum hin verdichtet. Das reicht mir als Ankerpunkt, als Fixstern für komplette Buchideen, die ich mitunter Jahre lang austrage, bevor ich sie in die Öffentlichkeit entlasse. Selbiges gilt für Bilder. Das sind aber Prozesse, die sich im Innen abspielen. Ich laufe jetzt nicht durch die Welt auf der Suche nach Inspiration in Form von Wörtern oder Bildern. Da erweist sich die Außenwelt sogar nicht selten als störende Geräuschkulisse, die ich für meine Arbeit gerne ausblende, sofern das möglich ist. Das Handy weglegen hilft.
Du beschäftigst dich auch wissenschaftlich intensiv mit Literatur. Kannst du diesen analytischen Blick beim eigenen Schreiben abschalten – oder sitzt die Literaturwissenschaftlerin gewissermaßen immer mit am Schreibtisch?
Lange waren meine literaturwissenschaftlichen Schablonen eine Art Sezierbesteck. Für meine Arbeit als Verlegerin ist dieses Wissen von enormer Bedeutung. Da setzt sich die Literaturwissenschaftlerin, sobald es um die Auswertung von Manuskripten geht, durchaus die Brille auf, zugleich bin ich aber auch eine Leserin, die genießen will, was Texte in sich tragen. Eine Entseelung eines literarischen Werkes (sofern es kein ohnehin seelenloser KI-Text ist) darf meines Erachtens jedoch niemals geschehen.
Du unterrichtest außerdem kreatives Schreiben. Was möchtest du Menschen, die selbst schreiben wollen, dabei vor allem vermitteln? Und lernst du umgekehrt auch etwas für dein eigenes Schreiben aus dieser Arbeit?
In meine Schreibkurse kommen Menschen, die bereits Erfahrung in der Textarbeit haben, Menschen mit Schreibblockaden und vielen Ideen und auch Leute, die noch nie kreativ geschrieben haben. Am schwierigsten erscheint es, mir jahrelang aufgebaute Muster wieder aufzulösen. Da sitzt vieles, was bspw. zur Schulzeit oder im Journalismusstudium eingetrichtert wurde, felsenfest. Zum kreativen Schreiben gehört auch die handwerkliche Komponente, die nicht unterschätzt werden sollte. Mitunter ist es jedoch für Schreibanfänger sogar leichter, eigene Potenziale zu entdecken, freizusetzen und selbstbestimmt zu formen, denn das einmal erlernte, Sicherheit gebende, Sezierbesteck abzugeben ist für viele gar nicht so einfach, denn man definiert sich mitunter durch Wissen, das gar nicht selbst erfahren wurde, nur ist uns das nicht bewusst.
Ich möchte, dass meine Kursteilnehmer den großen Mut finden, ihre eigene authentische Stimme und Handschrift in ihren Texten zu leben. Das ist nun schon vielen gelungen. Es gehört zu meiner größten Freude, Menschen wachsen zu sehen, und genau das darf ich in meinen Schreibkursen beobachten, begleiten und vermitteln. Für mich ist das ein großes Privileg.
Verändert die intensive berufliche Beschäftigung mit Literatur eigentlich auch dein privates Lesen? Kannst du dich noch vollkommen in einem Buch verlieren, ohne gleichzeitig Sprache, Aufbau und Wirkung zu analysieren?
Nein, mein privates Lesen verändert das nicht. Es ist, als ob man verschiedenfarbige und zudem unterschiedlich geformte Brillen aufsetzt. Da gibt es z. B. die Brille der Literaturwissenschaftlerin, die der Verlegerin, die der Tierschützerin, der veganen Köchin, der Botanikerin, Künstlerin, der Archivarin, der Doktorandin, der Märchenliebhaberin, die des kleinen Mädchens und viele, viele mehr. Alle Brillen übereinandergestapelt, und das ist durchaus ein kreativ-kurioses Bild, ergeben meine Vorlieben, wobei die Verlegerin sich durchaus für Bücher entscheiden kann, die sie privat nicht lesen würde, die aber eine absolute Daseinsberechtigung haben, weil sie ein tolles Publikum verdienen, das nicht zwangsläufig ich sein muss. Da stelle ich mich bereitwillig neben mich.
Du hast 2019 mit kul-ja! publishing deinen eigenen Verlag gegründet. Was hat dich damals dazu bewegt, neben der Autorin auch selbst Verlegerin zu werden?
Für mich war das lediglich der folgerichtige nächste Schritt, einen Verlag zu gründen. Zugute kam mir auch, dass sich um mich stets viele Talente finden. Das ist eine meiner absurdesten Fähigkeiten, die ich nicht erklären kann. Ich habe mich lediglich lange gewundert, wie so talentierte Menschen einfach nicht gesehen werden. Das habe ich wirklich nicht begriffen und begreife es oft nach wie vor nicht, wenn ich überragende Manuskripte bekomme, die noch keinen Verlagshafen gefunden haben.
Also habe ich beschlossen, selbst eine Plattform zu schaffen, die auf jeden Fall unabhängig sein sollte und in der es auf die Texte ankommt, nicht auf Geldgeber, Biografien, Literaturpreise, Herkunft, Agenturen, Empfehlungen, Vitamin B, Geschlecht, Sexualität, Aussehen und politische Statements. Einfach auf gute Texte und die Menschen hinter den Geschichten, gewürzt mit ein wenig wagemutig frecher Kulness. Dafür steht kul-ja! publishing. Die Verleihung des Deutschen Verlagspreise 2025 hat meine Herangehensweise bestätigt.
Was muss ein Text oder eine Buchidee für dich mitbringen, damit du als Verlegerin sagst: Genau dieses Werk möchte ich veröffentlichen?
Zuerst einmal braucht es für die Bewerbung bei kul-ja! publishing ein gelungenes Exposé, dann Distanz zum eigenen Text. Es ist auch wichtig, dass sich Autoren in ihrem Schaffen selbst einschätzen und ihre Texte entsprechend verorten können, Grundvoraussetzung für alles Weitere ist die Professionalität im Miteinanderarbeiten.
Zur Idee kommt natürlich ein guter Spannungsaufbau. Ich möchte keine festgefrorenen Vorstellungen vonseiten der Autoren à la „Ich will dieses Cover und mein Buch ist schon völlig fertig, Ihr müsst es nur noch drucken und rausbringen“. Dann wünsche ich mir eine wirklich eigene Sprache, bestenfalls mit Wiedererkennungswert, was die Literarizität betrifft, und bitte nicht den 101. schlecht recherchierten Krimi. Dann sind meine Augen und Ohren genreübergreifend völlig offen und ich lese jede einzelne Bewerbung, indem ich alle mir zur Verfügung stehenden Brillen gleichzeitig aufsetze, um bei dem Bild zu bleiben.
Bei kul-ja! publishing spielt neben dem literarischen Inhalt auch die Gestaltung des Buches eine wichtige Rolle. Was bedeutet für dich ein Buch als Gesamtkunstwerk – und wie wichtig ist dir das Zusammenspiel von Text, Gestaltung und Material?
Sehr wichtig ist mir eine gelungene Gesamtkomposition, und das hat die Indieverlagsszene meines Erachtens dem Mainstream inzwischen voraus. Ich lagere bspw. die Illustration oder Covergestaltung nicht mit einem oder zwei das Projekt beschreibenden Sätzen nach Indien oder China aus, sondern frage Künstler direkt an, entdecke oder caste selbst.
Bevor ich Literatur studiert habe, habe ich Gestaltungstechnikerin gelernt, Typographie, Schriftsatz, Bild-Text-Gestaltung, Plakatmalerei, handwerklich und nach der ganz alten Schule. Da lege ich großen Wert auf Details und erkenne Talente und fähige Menschen oft, bevor sie selbst wissen, wie gut sie eigentlich wirklich sind.
Einen besonderen Platz in deinem Schaffen nimmt die Lyrik ein. Was kann ein Gedicht für dich ausdrücken oder ermöglichen, was in einem längeren Prosatext vielleicht schwieriger wäre?
Auch wenn die Lyrik gerade hervorgehoben wird, denke ich nicht, dass Prosa weniger kann. Es sind einfach zwei verschiedene Formen, um zu berühren. Beide können richtig viel. Insbesondere literarische Hybridformen finde ich da spannend. An diesem Punkt darf ich empfehlen, die derzeitige Ausschreibung des verlagseigenen, brandneuen Literaturmagazins aus Jena, genannt „Feile“, anzuschauen.
Deine Lyrik arbeitet stark mit Bildern, Klängen, Rhythmus und ungewöhnlichen Wortverbindungen. Wie wichtig ist dir, dass Sprache nicht nur etwas erzählt, sondern beim Lesen auch sinnlich wahrgenommen werden kann?
Literarische Sprache wird doch stets sinnlich wahrgenommen, hat einen Rhythmus, eine innere Organisation als ein (bei Lyrik gar organisches) Textsystem, wenn dieses für einen Text nicht zutreffen sollte, dann kann ich mir auch Waschmaschinenbausätze vorlesen lassen. Das ist dann vielleicht Performance, wenn der Rahmen stimmt.
Bei „Literatur im Lindenwirt“ steht dein Abend unter dem Motto „Lyrik von Nacht und See“. Was verbindet diese beiden Motivwelten für dich?
Es muss dringend „Nacht und Tiefsee“ heißen, denn die Verbindung beider (mitunter religiös aufgeladener) Urbilder wird unter anderem auch über die Vorstellung von individuell und kollektiv erfahrbarer Dunkelheit als ein mystifizierter Seelenraum geschaffen. Etymologisch, nicht nur phonetisch, hängen die Wörter „Sehen“, „See“ und „Seele“ ja zusammen.
In deinen Nachtgedichten begegnen uns Dunkelheit und Schatten, aber auch Sterne, Licht, Körperlichkeit, Nähe, Begehren und Vergänglichkeit. Was fasziniert dich persönlich an der Nacht als literarischem Raum? Ist es vielleicht gerade ihre Vieldeutigkeit – zwischen Geheimnisvollem, Sinnlichem, Bedrohlichem und Melancholischem –, die dich immer wieder zu ihr zurückkehren lässt?
Da lasse ich meine Gedichte für sich sprechen.
In deinen Gedichten begegnen einem sehr konkrete körperliche Bilder neben gewaltigen kosmischen Dimensionen. Was reizt dich an diesem Kontrast zwischen dem sehr Intimen und dem beinahe Unermesslichen?
Für mich ist das eins.
Wiederkehrende Themen deines Schreibens sind unter anderem Traum, Trauma, Sprachlosigkeit, Heimat und Fremdsein. Gibt es bestimmte Themen oder Fragen, zu denen du beim Schreiben immer wieder zurückkehrst – vielleicht auch, ohne es zunächst bewusst zu planen?
Die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat im Sinnieren über ihre literarische Sprache einmal geäußert, dass in jeder Sprache andere Augen sitzen. Besser auf den Punkt hätte man es meines Erachtens, was die körperliche Dimension von poetischer Sprachwahrnehmung betrifft, nicht bringen können. Wie wird man fremd in sich? Oder wird man sogar so in die Welt geworfen.
Erfahren habe ich das persönlich erst, als ich in einer ursprünglich einmal fremden Sprache geträumt, gefühlt, gedacht, gesprochen und gelebt habe und mit diesen geborgten Augen meine eigene Muttersprache mit offenem Mund und aus eigenartig wachsender Entfernung staunend angestarrt habe, wie sie sich leise aus meinem konkreten Denken in Richtung Unterbewusstsein verzog. Das hat mein künstlerisches Schauen, meinen Blick, maßgeblich geprägt und geschärft.
Es gibt außerdem nicht wenige Räume, zu denen die Sprache keinen Zutritt hat:
„Unter meiner Zunge steht ein Haus aus Sprache, ein Zimmer ist Gefängnis, in einem anderen wird gemalt“ (J. K.).
Auf der anderen Seite steht das Meer. Was bedeutet das Meer für dich – als reales Element, aber vor allem als literarisches Motiv?
Das Meer ist einer der größtmöglichen Befreiungsräume. Man kann dort ausatmen, was uns einengt, auch im übertragenen Sinne.
In deinen Meeresgedichten greifst du intensiv auf die griechische Mythologie zurück und lässt unter anderem Nereiden wie Amphitrite, Thetis und Leucothea sprechen. Woher kommt deine Faszination für diese alten mythologischen Figuren?
Ich habe auf konkrete altgriechische Quellen zurückgegriffen, auf die Originalfassungen, nicht die Übersetzungen. Das war demnach echte Forschungsarbeit, für die ich von der Idee bis zum Buch beinahe fünf Jahre gebraucht habe. Gewissermaßen handelt es sich nicht um „Figuren“. Jede Nereide ist zugleich ein so genannter Telling Name, trägt ihre Aufgabe und Bedeutung konzentriert, verdichtet in sich. Einige wurden noch nicht literarisch übertragen, auf diese habe ich im Buch den Fokus gelegt. Das sind die Nereiden, die uns nicht bekannt vorkommen, die nicht Thetis, nicht Kalypso sind. Mitunter sind sogar lediglich die Namen der jeweiligen weiblichen Welle überliefert gewesen. Das war auf vielen Ebenen extrem spannend für mich.
Besonders spannend finde ich, dass diese Figuren bei dir nicht wie weit entfernte Gestalten aus alten Sagen wirken, sondern eigene Stimmen und Perspektiven erhalten. Wie näherst du dich einer mythologischen Figur, bevor aus ihr eine lyrische Stimme wird?
Da bei manchen der Wasserfrauen eben wirklich nur die Namen überliefert waren und ich außerdem einige so genannte „ungesicherte Nereiden“ (wenn die Nymphen unter demselben Namen auch in anderer Form auftauchen, bspw. als Muse oder Oceanide, Gottheit, etc.), mit in die drei großen Gesänge aufgenommen habe, musste ich mich über ebendiese Namen annähern. Wenn also ein Nereidenname, sagen wir, einen konkreten landschaftlichen Bezug aufweist, habe ich mir vorgestellt, wie diese personifizierte, real ggf. noch existierende weibliche Landschaft zu den Menschen sprechen würde, was sie zu sagen hätte, wie man sie ansehen würde, damals und heute. Da die „Welle“ auch nicht per se auf den Ozean bezogen ist, sondern gleichermaßen Frequenz sein kann, hat das das Feld ins Klanghafte hinein enorm erweitert. Es gibt ja auch Nereiden, die die Form wechseln, aus dem Meer in den Himmel steigen, Plejade werden.
Die Nereiden bewegen sich in der Mythologie zwischen verschiedenen Welten – zwischen Meer und Land, Menschen und Göttern. Was reizt dich grundsätzlich an solchen Figuren, die sich zwischen unterschiedlichen Welten bewegen?
Für mich sind das gar keine unterschiedlichen Welten. Sie fließen ineinander über. Mikrokosmos gleich Makrokosmos.
Mythologische Stoffe sind Jahrtausende alt und werden trotzdem immer wieder neu erzählt. Was macht solche alten Stoffe für dich bis heute aktuell? Und wie wichtig ist dir dabei, mit ihnen auch einen Blick auf unsere heutige Gesellschaft und gegenwärtige Fragen zu werfen?
Ich habe hoffentlich nicht neu erzählt, sondern mich als Erzählerin einfach eingereiht, habe wiederbelebt, ins kollektive Gedächtnis zurückgeholt, Lücken kreativ gefüllt und verlebendigt. Jedoch ist eine der Hauptaussagen des Buches natürlich, dass es sich um ausschließlich weibliche Wellen handelt, denen (mitunter erst nachträglich) eine Stimme gegeben wird, die Stimme selbst auch als Stimmung verkörpern und die zudem stets von Schwestern umgeben sind, die also ein weibliches, fließendes Kollektiv bilden, dem im Mythos interessanterweise vor allem die Funktion der Augenzeugenschaft zukommt.
Einige Nereiden, wie bspw. Hipponoe (die Vorreitende) oder Dynamene (die Sprengerin), fordern ihre Sprachgewalt kriegerisch ein, andere verführen, befruchten, manipulieren, transformieren, segnen, berühren oder töten sogar. Man muss keine Feministin sein, um zu fühlen, über was hier gesprochen wird.
Es gibt aber auch eine Nereide, die ungelenk übersetzt die Vatertochter ist, die liebste, durch den Blick vermännlichte Tochter des Meeresgottes Nereus, diese nimmt auch eine gesonderte Stellung unter ihren Schwestern ein. Die Nereiden werden auch die Doriden, nach ihrer Mutter der Oceanide (Nymphe des weiten Ozeans) Doris genannt, aber das ist weniger bekannt. Durchgesetzt haben sich die Nereiden.
Deine Sprache ist teilweise sehr dicht und fordert dazu auf, einzelne Zeilen mehrfach zu lesen. Ist es dir überhaupt wichtig, dass ein Gedicht beim ersten Lesen vollständig „entschlüsselt“ wird – oder darf sich seine Bedeutung erst nach und nach erschließen?
Das ist mir gar nicht wichtig. Der Mensch krankt und scheitert daran, dass er alles verstehen, alles enträtseln will. Wir dürfen annehmen und einen Raum halten und geben lernen, in dem wir selbst nur ein kleines Teilchen sind. Das hat auch etwas mit Demut zu tun. Dabei dürfen große und kleine Geheimnisse (die ja ein und dasselbe sind) vom Sezierbesteck des messerscharfen menschlichen Geistes in ihrer vollkommenen Schönheit unberührt bleiben. Fühlen reicht vollkommen.
Deine Texte lassen häufig Raum für unterschiedliche Interpretationen. Wie empfindest du es, wenn Leserinnen und Leser darin etwas entdecken, an das du beim Schreiben selbst vielleicht gar nicht gedacht hast?
Das finde ich großartig und bereichernd. Es ist überhaupt mein Ansinnen, Texte freizugeben (an den menschlichen Geist, nicht an KI), das Werk darf sich über den Autor (ich habe bewusst nicht Schöpfer gesagt und ChatGPT ist kein Autor) erheben. Ich freue mich besonders, wenn mir meine eigenen Texte mit neuen Geheimnissen wie weit gereiste Freunde begegnen, die etwas Vertrautes und zugleich Fremdes in sich tragen, das sich durch das viele Lesen, durch andere und zum Teil neue Perspektiven (die nicht lediglich meiner eigenen Sichtweise entsprungen sind), angelagert und eingeschrieben hat.
Einige deiner Lyrikbände sind zweisprachig angelegt. Gerade bei Gedichten hängen Bedeutung, Rhythmus und Klang oft an einzelnen Wörtern. Was kann eine Übersetzung bewahren – und was verändert sich zwangsläufig, wenn ein Gedicht in eine andere Sprache wandert?
Für mein Empfinden verändert eine gute, nicht wortwörtliche, sondern freie Übertragung im besten Sinne, indem sie das Gedicht für neue Kulturräume und damit wiederum auch für neue Perspektiven öffnet. Sie baut wortwörtlich Brücken.
Mittlerweile sind meine Gedichte ins Koreanische, Arabische, Englische und Französische übertragen. Es ist für mich, als dürfe poetische Sprache auf Reisen gehen. Das bewegt mich sehr und manchmal gefällt mir der Klang und die erweiterte Bedeutung durch die Übertragung, wenn mir das Gedicht in einem neuen Gewand vorgetragen wird, sogar besser als mein ursprüngliches Original.
Im Rahmen von „Literatur im Lindenwirt“ bist du am 8. Oktober 2026 bei Robert Corvus zu Gast. Was hat dich an seiner Einladung und an der Idee dieser Lesungsreihe gereizt?
Ich bin total gespannt auf die alte Gaststätte und dann schätze ich den Autor Robert Corvus natürlich nicht nur als solchen, sondern auch menschlich. Ich freue mich darauf, Bernd innerhalb dieses wundervollen, von ihm geschaffenen und gehosteten Formats wiederzusehen.
Mit „Lyrik von Nacht und Tiefsee“ bringst du eine Literaturform in den Lindenwirt, die noch einmal ganz anders funktioniert als ein Roman oder eine klassische erzählende Lesung. Worauf freust du dich bei deinem Auftritt besonders und was dürfen die Besucherinnen und Besucher von diesem Abend erwarten?
Die Begegnungen unter Bibliophilen sämtlicher Couleur sind mir stets ein Highlight und ich wünsche mir auch, dem einen oder der anderen die vom Deutschunterricht eingetrichterte Angst vorm Gedicht zu nehmen. Dann ist es mir außerdem eine große Freude, neuen Menschen kul-ja! publishing vorzustellen und so vielleicht den Leserkreis zu erweitern, eine Lanze für die unabhängige Verlagsszene zu brechen, die mir am Herzen liegt. Der Verlag wird demnach auf der Lesung ausstellen und mit einem eigenen Verlagsstand mit von der Partie sein. Man wird Bücher bestaunen und erwerben können.
Woran arbeitest du derzeit? Gibt es neue literarische oder verlegerische Projekte, auf die wir uns bereits freuen dürfen?
Über ungelegte Eier redet die kluge Henne nicht.
Was hoffst du, dass die Besucherinnen und Besucher nach deinem Abend bei „Literatur im Lindenwirt“ mit nach Hause nehmen? Gibt es vielleicht ein Bild, ein Gefühl oder sogar eine Frage, von der du dir wünschen würdest, dass sie ihnen noch ein Stück durch die Nacht folgt?
Am besten ein signiertes Buch, an das ganz viele wundervolle Eindrücke und Empfindungen geknüpft sind. Bücher sind sehr gute, verlässliche und äußerst höfliche Begleiter für dunkle Nächte oder einen lange ersehnten Tag am stürmischen Meer.
Ich finde, Julias Antworten zeigen sehr schön, wie viele unterschiedliche Wege es gibt, sich mit Literatur auseinanderzusetzen. Nicht nur als Schriftstellerin und Lyrikerin, sondern ebenso als Literaturwissenschaftlerin, Dozentin und Verlegerin betrachtet sie Sprache und Geschichten aus ganz verschiedenen Perspektiven.
Besonders spannend finde ich dabei die Verbindung von Literatur und Sprache mit den großen Motivwelten von Nacht und Tiefsee. Gerade Lyrik lässt schließlich viel Raum für eigene Bilder, Empfindungen und Interpretationen – und manchmal entfaltet ein einzelner Vers noch lange nach dem Lesen seine Wirkung.
Mit Julia Kulewatz geht die diesjährige Ausgabe von „Literatur im Lindenwirt“ nun zugleich in ihre letzte Runde. Seit dem Auftakt mit Robert Corvus im Mai durfte ich die Reihe als Kulturpartnerin begleiten und euch die jeweiligen Gastautorinnen und Gastautoren in meinen Interviews ein wenig näher vorstellen. Umso schöner finde ich es, dass zum Abschluss mit „Lyrik von Nacht und Tiefsee“ noch einmal eine ganz andere literarische Form im Mittelpunkt steht.
Wenn ihr nun neugierig auf Julia Kulewatz und ihre Lyrik geworden seid oder selbst erleben möchtet, wie Nacht und Tiefsee an diesem Abend literarisch aufeinandertreffen, findet ihr alle wichtigen Informationen zur Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ auf der Website von Robert Corvus. Dort findet ihr die aktuellen Informationen zur Veranstaltung sowie Hinweise zu Tickets, Anfahrt und Übernachtungsmöglichkeiten.
Bitte informiert euch vor eurem Besuch noch einmal über den aktuellen Stand, da Änderungen jederzeit möglich sind.
Über die Autorin

Autorenportrait Julia Kulewatz; © Julia Kulewatz
Julia Kulewatz wurde bei Berlin geboren und studierte Literaturwissenschaft, Philosophie, Modezeichnen und Choreografie in Erfurt, Seoul, Shanghai und Tokio. Sie ist Dozentin für Kreatives Schreiben. Als Schriftstellerin veröffentlichte sie Kurzgeschichten, Lyrik, Essays und Romane. 2022 wurde sie mit dem Stadtschreiberstipendium von Neu-Ulm ausgezeichnet, 2023 mit dem KUNO-Essay-Preis. 2019 gründete sie den unabhängigen Publikumsverlag kul-ja! publishing.
In O Nyx (prämiert als Lyrik-Empfehlung 2026) thematisiert sie die künstlich beleuchteten und zugleich schlummernden Aspekte des Inderweltseins als ein gedankliches Durchwandern der verschleiernden und gleichermaßen bergenden Nachtschwärze mit ihren Chimären, träumerisch verklärten und wahnhaften Wesenheiten.
Mit Nereiden reden nicht, ihren Tiefseegedichten, ist Julia Kulewatz nach ihren Nachtgedichten eine lyrische Ausnahmeerscheinung gelungen. Geschickt verbindet sie antiken Mythos mit aktuellem Zeitgeschehen, Klagelied mit Sternenkunde, Kyklopen mit der NASA, Kalypso mit Nihilismus und daraus entstehenden Kaulquappengalaxien.
(Die Informationen und dieser Text stammen von Robert Corvus)
Möchtest du mehr über Julia Kulewatz und ihre literarische Welt erfahren?
Dann besuche ihre Verlagswebsite oder folge ihr auf Instagram, um keine Neuigkeiten zu verpassen!
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Du möchtest noch mehr über die Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ erfahren? Dann stöbere gerne auch durch meine anderen Beiträge rund um das Projekt. Dort erwarten dich spannende Interviews, persönliche Eindrücke und viele Informationen rund um die besonderen Literaturabende bei Robert Corvus.
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Lest ihr selbst gerne Lyrik? Und was spricht euch bei Gedichten besonders an – die Sprache, die Bilder, der Klang oder vielleicht gerade der Raum für ganz eigene Interpretationen?
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Alle wichtigen Hinweise zu Urheberrechts- und Copyright-Angaben sind in meinem Impressum hinterlegt.





Danke für das tolle Interview! Ich lernte Julia damals kennen über die Edition Roter Drache, wo sie einen Lyrikband veröffentlichte. Seither haben wir uns immer wieder auf Messen getroffen und es waren immer sehr schöne und sympathische Gespräche! Ich freu mich schon auf die nächste Kassel Buch wo wir uns hoffentlich wieder sehen werden !