Transparenz:
Dieser Beitrag entstand freiwillig und aus persönlichem Interesse im Rahmen von Interviews mit Ufke Cremer und Thomas Thalmaier, die am 12. November 2026 bei der offenen Lesebühne der von Robert Corvus organisierten Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ auftreten werden.
Als Kulturpartnerin unterstütze ich die Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ und möchte mit dieser dreiteiligen Interviewreihe die sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer der offenen Lesebühne näher vorstellen sowie auf die Veranstaltung aufmerksam machen.
Der Beitrag ist weder bezahlt noch gesponsert, wird jedoch vorsorglich als Werbung beziehungsweise Kooperation gekennzeichnet, da er potenziell das Interesse an den vorgestellten Autoren, ihren Werken sowie an der Lesungsreihe wecken oder den Besuch der Veranstaltung fördern könnte. Meine persönliche Meinung bleibt davon selbstverständlich unbeeinflusst.

Literatur im Lindenwirt 2026
Offene Lesebühne – Sechs Stimmen, sechs Geschichten
Teil 3: Ufke Cremer & Thomas Thalmaier
Nachdem ich euch in den ersten beiden Teilen meiner kleinen Interviewreihe zur offenen Lesebühne von „Literatur im Lindenwirt“ bereits Lysandra von Malgarten, Georg Saathoff, Markus Gersting und Kim Nexus vorgestellt habe, begeben wir uns heute auf eine kleine Zeitreise. Denn im dritten und letzten Teil wird es historisch!
Mit der offenen Lesebühne am 12. November 2026 findet die diesjährige Saison der von Robert Corvus organisierten Lesungsreihe einen ganz besonderen Abschluss. Dieses Mal stehen sechs Autorinnen und Autoren im Mittelpunkt, die „Literatur im Lindenwirt“ bislang selbst aus dem Publikum kennen. Nun wechseln sie die Seiten und bekommen die Gelegenheit, ihre eigenen Geschichten in jeweils knapp 15 Minuten vorzustellen.
Als Kulturpartnerin habe ich es mir nicht nehmen lassen, euch die sechs Teilnehmenden im Rahmen meiner kleinen Interviewreihe etwas näherzubringen. Den Abschluss bilden heute Ufke Cremer und Thomas Thalmaier, die uns mit ihren Geschichten in zwei ganz unterschiedliche historische Epochen entführen.
Ufke Cremer nimmt uns mit seinem bislang unveröffentlichten historischen Schelmenroman „Invasion der Blechmänner“ mit in die Zeit der Varusschlacht. Dabei verbindet er historische Ereignisse und Überlieferungen mit einer ordentlichen Portion Humor, Satire und schriftstellerischer Freiheit.
Thomas Thalmaier hingegen beschäftigt sich in seinen historischen Kriminalromanen mit dem Dreißigjährigen Krieg. Mit seinem Romanhelden Ernst August von Meding lässt er uns in die raue Welt des 17. Jahrhunderts eintauchen. Dabei fließen auch seine eigenen Erfahrungen als Reiter und im historischen Fechten in die Geschichten ein.
Wie sind ihre Romane entstanden? Was fasziniert die beiden an den jeweiligen historischen Epochen? Und wie verbinden sie geschichtliche Fakten mit ihrer eigenen Fantasie?
Darüber und über vieles mehr habe ich mit den beiden gesprochen. Natürlich durfte auch ein kleiner Ausblick auf ihren bevorstehenden Auftritt bei der offenen Lesebühne nicht fehlen.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!

Literatur im Lindenwirt 2026 – Offene Lesebühne
Interview mit Ufke Cremer
1. Lieber Ufke, bevor wir über deinen Auftritt bei „Literatur im Lindenwirt“ sprechen, möchten wir dich gerne ein wenig kennenlernen. Wie würdest du dich jemandem vorstellen, der dich und deine Geschichten bislang noch nicht kennt? Was sollte man unbedingt über dich wissen?
Seit über 50 Jahren wohne ich (mit kurzen Unterbrechungen) in Bramsche. Seit Ende der 70er Jahre engagiere ich mich politisch und bin seit 1981 bei den Grünen. Ebensolange pflege ich ein weiteres Hobby, Malerei und Zeichnen. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz. Bei Karikaturen zum politischen Tagesgeschehen versteht sich das von selbst, aber auch viele meiner Gemälde (irgendwo zwischen Comic und Fotorealismus) enthalten ein Augenzwinkern.
2. Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen? Gab es einen bestimmten Moment oder ein Erlebnis, das in dir den Wunsch geweckt hat, eigene Geschichten zu erzählen und zu Papier zu bringen?
Lange Zeit habe ich zwar viel geschrieben: Protokolle, Artikel, Leserbriefe, Anträge für Parteitage oder Reden (nicht nur für mich selbst). Das meiste aber nicht zur Unterhaltung. Der Wunsch eine Geschichte zu erzählen, keimte auf, als Kalkriese immer mehr als Örtlichkeit der Varusschlacht gefeiert wurde. Sogar die Lebensmittelbranche sprang auf den Zug auf und bot „Varus-Brote“, „Harten Hermann“ (eine Mettwurst) und „Thusneldas Beste“ (Marmelade) feil. Im Tarnanzug der Geschichtsforschung entbrannte eine wilde Spekulation über die Schlacht und ihre Hintergründe. Darauf äußerte ich im Freundeskreis die Idee, den ganzen Unsinn mit einem Roman zu kontern. Ein Weggefährte meinte, da müsste aber noch eine „gehörige Portion sex and crime“ dazukommen. Zusätzlich bezog ich noch „drugs and alcohol“ mit ein und begann an einem Plot für solch einen Roman zu basteln.
3. Was bedeutet das Schreiben für dich persönlich? Ist es vor allem eine Möglichkeit, deiner Fantasie freien Lauf zu lassen, dich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen oder vielleicht auch dem Alltag für eine Weile zu entfliehen?
Wie schon gesagt, habe ich mich ja schon mein Leben lang schreibend mit bestimmten Themen auseinandergesetzt, allerdings so gar nicht mit der Geschichte. Da die Wissenschaft aber über viele historische Fakten uneins ist, entstehen Motive für die bereits genannte wilde Spekulation. Beim Schreiben meines Romans konnte ich mich diesbezüglich richtig austoben, denn im Unterhaltungssektor sind der Fantasie praktisch keine Grenzen gesetzt. Das hat mir sehr viel Spaß bereitet.
4. Mit deinem bislang unveröffentlichten Roman Invasion der Blechmänner entführst du uns in die Zeit der Varusschlacht. Was fasziniert dich an dieser Epoche, und wie kam es dazu, dass du sie zum Schauplatz deiner Geschichte gemacht hast?
Einmal ist über die frühe römische Kaiserzeit mehr überliefert als über die folgenden Jahrhunderte. Zweitens liegen dort die Wurzeln des christlichen Abendlandes. Drittens nahm diese Zeit den größten Raum im Lateinunterricht ein, wo mir schon als Schüler Widersprüche auffielen. Den Hauptgrund für die Auswahl des Schauplatzes habe ich schon genannt: Varus-Brote, Hermann-Würste, Thusnelda-Marmelade und andere Skurrilitäten. Da ich seit Jahrzehnten in Bramsche wohne, kenne ich die Örtlichkeiten recht gut. So gibt es nahe des Schlachtfeldes eine Flurbezeichnung „Tütenburg“ – da lag es nahe den saltus teutoburgiensis als Tütenburger Landgut zu deuten und die Tütenburg mit fiktiven Bewohnern zu füllen.
5. Du bezeichnest deinen Roman als historischen Schelmenroman. Das klingt nach einer ungewöhnlichen Mischung aus Geschichte, Abenteuer und einer gehörigen Portion Schalk. Was reizt dich an dieser besonderen Erzählform, und welche Rolle spielt Humor in deinen Geschichten?
Gerade diese Mischung bietet eine Menge Spielraum für Humor in allen Facetten, mal hintersinnig, zuweilen tiefschwarz, gerne auch einfach albern. Einstweilen habe ich meinen Roman schon einmal optisch wie eine seriöse Chronik gesetzt. Ergänzt mit Fußnoten, die mal einen Bezug zur Wissenschaft herstellen oder Zusammenhänge erläutern, ab und an wollte ich an der entsprechenden Stelle auch nur einen Gag platzieren.
6. Woher nimmst du deine Inspiration? Sind es historische Ereignisse, besondere Persönlichkeiten, alltägliche Beobachtungen oder manchmal auch ganz ungewöhnliche Einfälle, aus denen deine Geschichten entstehen?
Nicht so sehr historische Ereignisse sondern eher Zeugnisse aus der Zeit (Tacitus, Sallust, Flavius Josephus oder auch die Bibel), archeologische Entdeckungen und die oft überdrehte Interpretation dieser Hintergründe haben mich dazu getrieben „Invasion der Blechmänner“ zu schreiben. Die Charaktere (auch der historischen Figuren) habe ich mehr oder weniger aus Personen der Gegenwart entwickelt. Manchmal hört man Gespräche im Wartezimmer, beim Einkaufen, in der Kneipe oder auch nur beim Vorbeigehen. Da musste ich gar nicht viel hinzufügen und hatte schon recht witzige Szenen beisammen, die ich nur noch mit dem Plot verweben musste.
7. Historische Ereignisse bieten einerseits einen festen Rahmen, andererseits viel Raum für Fantasie. Wie gehst du beim Schreiben mit dem Spannungsfeld zwischen historischen Fakten und schriftstellerischer Freiheit um? Und wie viel Recherche steckt in deinen Geschichten?
Wie schon gesagt ist die Faktenlage bei den Historikern nicht so eindeutig. Oft passen die zeitlichen Stränge gar nicht zusammen. Da habe ich es als Romanautor einfacher, ich entscheide mich für eine stimmige Story, indem ich die Quellen bewerte und nötigenfalls bezüglich der Glaubwürdigkeit recherchiere. Zuweilen hatte ich historische Ereignisse vage im Kopf und habe mir passende Ergänzungen dazu ausgedacht. Ehrlich gesagt weiß ich jetzt nicht mehr so genau, was davon meiner Fantasie entsprungen ist und was aus der Überlieferung stammt. Hauptsache die Fakten und die Fiktion passen zusammen.
8. Welche Rolle spielen Bücher in deinem eigenen Leben? Gibt es bestimmte Genres, Autorinnen oder Autoren, die dich besonders begeistern oder nachhaltig geprägt haben?
Als Kind haben mich Tom Sawyer und Huckleberry Finn begeistert. Mark Twain schätze ich heute noch, nicht zuletzt aufgrund seines bissigen Humors. Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus und Jaroslav Hašeks Schweijk sind zwei wunderbare Schelmenromane, die schrecklichen Ereignissen mit Humor begegnen. Eckhard Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinns und Roger Boylans Killoyle-Trilogie haben mich sehr erheitert. Die meisten Seiten habe ich vermutlich von T.C. Boyle gelesen, gleich sein erster Roman „Wassermusik“, ein brillianter historischer Roman über die Zeit um 1800 mit zahlreichen urkomischen Szenen, hat mich am meisten beeindruckt.
9. Bisher hast du „Literatur im Lindenwirt“ aus dem Publikum heraus erlebt. Was gefällt dir an dieser Veranstaltungsreihe besonders, und wie fühlt es sich an, im November nun selbst auf der Bühne zu stehen und einen Ausschnitt aus deinem noch unveröffentlichten Roman vorzustellen?
Besonders gefällt mir, dass „Literatur im Lindenwirt“ Bramsches Kulturszene erweitert. Wenn jetzt aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis etliche Leute zum ersten Mal hinzustoßen, hätte auch ich dazu beigetragen, dass sich das Format etabliert. Ansonsten habe ich Spaß daran, andere zu unterhalten und freue mich darauf.
10. Zum Abschluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Welche Pläne hast du für Invasion der Blechmänner? Gibt es vielleicht bereits weitere Schreibprojekte oder Ideen, die du gerne verwirklichen möchtest? Und worauf freust du dich bei der offenen Lesebühne besonders?
Zunächst einmal möchte ich einen Verleger finden, der „Invasion der Blechmänner“ herausgibt. Stoff für eine Fortsetzung gibt es auch, allerdings müssten die Bramscher Handlungsstränge mit den globalen verknüpft werden. Das ist nicht ganz einfach, da die Römer hier erstmal weggeblieben sind. Bei Aussicht auf Veröffentlichung wäre das aber eine willkommene Herausforderung. Ein weiteres Projekt könnte aus ziemlich verrückten Verwicklungen entstehen, auf welche ich kürzlich bei der Erforschung meiner Ahnen gestoßen bin.
Bei der offenen Lesebühne freue ich mich am meisten darauf, ein möglichst breites Publikum an meinem Humor teilhaben zu lassen. Aber ich bin natürlich auch neugierig auf meine Kolleginnen und Kollegen.
Ufke, ganz herzlichen Dank für deine ausführlichen Antworten und die unterhaltsamen Einblicke in die Entstehung deines Romans „Invasion der Blechmänner“! Besonders die ungewöhnlichen Hintergründe und dein augenzwinkernder Umgang mit der Geschichte haben mir viel Freude bereitet.
Dass historische Stoffe aber auch auf ganz andere Weise zum Leben erweckt werden können, zeigt uns Thomas Thalmaier. Bei ihm geht es nun vom antiken Germanien mitten hinein in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Welche Rolle dabei Pferde, historische Fechtkunst und seine Leidenschaft für das 17. Jahrhundert spielen, erzählt er uns im folgenden Interview.
Literatur im Lindenwirt 2026 – Offene Lesebühne
Interview mit Thomas Thalmaier
1. Lieber Thomas, Geschichte, Pferde, historisches Fechten und das Schreiben spielen in deinem Leben eine große Rolle. Wie würdest du dich jemandem vorstellen, der dich und deine Bücher bislang noch nicht kennt? Und wie kam es dazu, dass aus diesen unterschiedlichen Leidenschaften schließlich eigene Geschichten entstanden sind?
Ich bin der Autor mit dem reitenden und fechtenden Romanhelden, der beides kennt. Und ich habe den Anspruch, so authentisch wie möglich zu erzählen, gleichzeitig aber auch die Gegebenheiten der damaligen Zeit zu erläutern. Das Studium der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, die Ausbildung zum Pferdewirt und das Hobby des historischen Fechtens spielen mir dabei in die Hände. Aus eigener Erfahrung gewinne ich auf diese Weise einen Eindruck davon, wie sich ein Reitergefecht und das Führen einer Klinge angefühlt haben müssen. Heute wird ebenso (barock) geritten wie vor vierhundert Jahren, im Fechten ist es ebenso. Was die Finessen und Techniken angeht, hat sich hierbei nichts verändert.
2. Deine besondere Faszination gilt dem Barock und dem 17. Jahrhundert. Was begeistert dich gerade an dieser Epoche, und was hat dich dazu bewogen, sie zum Schauplatz deiner historischen Romane zu machen?
In der Schule wurde das Barock komplett ignoriert. Später musste ich mir im Studium aber ein Thema für die Zwischenprüfung überlegen und da war der Tolle Christian, von dem es hieß, er habe seine „Pferde in den Paderborner Dom gestellt und so den heiligen Raum zu einem Stall gemacht“, gerade das richtige Thema für mich. Seither habe ich mich für diese Zeit interessiert, insbesondere weil es eine unübersichtliche Zeit ist mit all den vielen Namen der Potentaten, Adligen, Nebenbuhler und verschiedensten Strömungen.
Schauplätze meiner Romane sind jene Orte, die damals Geschichte schrieben. Das 17. Jahrhundert ist eine unbarmherzige Zeit gewesen, voller Extreme und horrender Spannungen. Pferde, Faustrecht, rechtsfreie Räume, klingt fast nach einer Dystopie. Oder nach Frontier. Aber besonders verliebt bin ich in den Sprachduktus jener Zeit.
3. Was bedeutet das Schreiben für dich persönlich? Ist es vor allem die Möglichkeit, vergangene Zeiten wieder lebendig werden zu lassen, deiner Fantasie freien Lauf zu lassen oder vielleicht auch Menschen für Geschichte zu begeistern?
Schreiben ist ein Müssen. Ohne fehlt etwas. Und Geschichten habe ich mir schon immer gern ausgedacht. Das klingt zwar etwas plakativ, aber ich wette, da bin ich nicht der Einzige. Also ja, wahrscheinlich ist es in erster Linie die Möglichkeit, meiner Fantasie freien Lauf lassen zu können, was mich schreiben lässt. Wenn sich dann Leser von meinem Buch unterhalten fühlen und sogar noch etwas mitnehmen: umso besser.
4. Woher nimmst du deine Inspiration? Sind es historische Ereignisse, außergewöhnliche Persönlichkeiten, alte Überlieferungen oder manchmal auch ganz unscheinbare Details, aus denen neue Geschichten entstehen?
Am meisten inspirieren mich neben den Erfahrungen als Reiter und Fechter die simpelsten Möglichkeiten, eine fiktive Geschichte zwischen historischen Fakten aufzuspannen. Als ich etwa meinen Romanhelden als Reitmeister ins Leben rief, musste er folglich einen exzellenten Reitlehrer haben. Ich fand hierzu den historischen Engelhardt von Löhneysen. Ebenso einen Fechtmeister, das war Sebastian Heußler. Weitere historische Reitmeister, Galiberti und Cavendish, und alles passte so wunderbar zusammen, Orte, Zeiten, Umgebungen, als hätte es nicht anders sein können. Wenn sich dann alles wie von selbst komponiert und zusammenfügt, ist das eine enorme Inspiration. Das kribbelt mächtig in den Fingern.
5. In deinen historischen Kriminalromanen lässt du tatsächliche Ereignisse und fiktive Geschichten aufeinandertreffen. Wo ziehst du für dich die Grenze zwischen historischer Genauigkeit und schriftstellerischer Freiheit? Und wie viel Recherche steckt in deinen Büchern?
Ich recherchiere so tief und umfangreich, wie es für den Plot notwendig ist. Man kann nicht jeden damaligen Tag perfekt durchleuchten. Das ist der Punkt, wo die schriftstellerische Freiheit beginnt. Harte historische Fakten wie Datumsangaben, Namen oder Familienverhältnisse sind für mich in Stein gemeißelt, daran rühre ich nicht. Aber zwischen all den Fakten ist immer so viel Raum, dass sich dort viel Fiktives anlegen lässt.
6. Mit Ernst August von Meding hast du eine Figur geschaffen, die dich durch mehrere Geschichten begleitet. Gibt es etwas an ihm, das dir im Laufe des Schreibens besonders ans Herz gewachsen ist oder womit er dich vielleicht sogar selbst überrascht hat?
Tatsächlich hat er sich mit jedem weiteren Roman verselbstständigt. Mit der Zeit ist er ein typischer Vertreter der damaligen Soldateska geworden. Das war nicht geplant. Im ersten Band, dem „Eisenschimmel“, hat Meding noch Prinzipien. Doch mit dem Fortgang seiner Geschichte, über Prag und Eger bis Nördlingen verliert er immer mehr das moderne Gesicht. Im vorerst letzten Band schließlich ist er zum abwägenden Soldnehmer geworden, der hart kalkuliert und seinen persönlichen Vorteil in all dem Chaos sucht.
7. Du kennst dich nicht nur theoretisch mit Geschichte aus, sondern bringst auch praktische Erfahrungen als Reiter und im historischen Fechten mit. Gibt es eine Szene, bei der dir dieses Wissen beim Schreiben besonders geholfen hat? Und wie wichtig ist dir diese Form der Authentizität?
Extrem wichtig. Denn hier fühle ich selbst körperlich mit. Ich weiß, wie es sich in einem Barocksattel anfühlt oder wie es ist, ein Rapier zu führen. Ich weiß, wie kräftezehrend ein Gefecht selbst mit einem einzelnen Gegner ist und wie extrem schwer es wäre, ein hochwendiges Pferd in einem Reiterkampf zu lenken. Diese Authentizität ist mir sehr wichtig, weil sie neben dem Krimiplot die feine Würze der Geschichte ausmacht.
Medings Gefecht mit dem schwarzen Reiter in der Feuerpause während der Schlacht bei Lützen beispielsweise habe ich so beschrieben, wie es sich unter gegebenen Kräfteverteilungen hätte abspielen müssen. Eingedenk, dass ich es mir nicht verkneifen kann, gelegentlich auf die Unterschiede zwischen italienischem und spanischem Fechtstil hinzuweisen.
8. Welche Rolle spielen Bücher in deinem eigenen Leben? Gibt es bestimmte Autorinnen, Autoren oder Werke, die dich besonders geprägt haben? Und was macht für dich persönlich einen wirklich guten historischen Roman aus?
Es gibt natürlich Vorbilder für das Romanhafte, Umberto Eco etwa (wenn auch weniger martialisch), aber auch Bernard Cornwell, Robert Harris oder John Maddox Roberts. Aber auch Autoren wie Volker Issmer, der schon vor geraumer Zeit Osnabrücker, wie auch Tecklenburger Land vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges betrachtete.
Ein wirklich guter historischer Roman bietet dem Leser nicht nur Spannung und Unterhaltung, sondern im besten Fall zudem eine Lösung auf ein Rätsel, an dem man sich schon lange die Zähne ausbeißt.
Um ein kurzes Beispiel zu nennen: Für meinen Helden heißt das, dass der Dreißigjährige Krieg eben nicht nur eine militärische Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten gewesen ist, wie es die Schulweisheit gern kolportiert. Vielmehr heißt es, dass in den damaligen Nebenströmungen viel mehr Gründe für den Ausbruch und Fortgang des Krieges zu finden sind: Der junge Adel jener Zeit, insbesondere der norddeutsche, sah die Gelegenheit gekommen, sich gegen die Vorherrschaft Habsburgs aufzulehnen, um endlich die sogenannte Teutsche Libertät einzufordern. Notfalls mit Gewalt.
Wenn meine Interpretation hierbei den einen oder anderen Leser zum kurzen Nachdenken anregt, hat der Roman seinen Sinn erfüllt.
9. Bisher hast du „Literatur im Lindenwirt“ aus dem Publikum heraus erlebt. Was gefällt dir an dieser Veranstaltungsreihe besonders, und wie fühlt es sich an, im November nun selbst auf der Bühne zu stehen und die Zuhörerinnen und Zuhörer in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu entführen?
Ich rechne es Robert Corvus als dem Veranstalter der „Literatur im Lindenwirt“ hoch an, dass er es uns Autoren ermöglicht, mit dem Publikum auf Fühlung zu gehen. Erstmals eine Lesung vor Publikum zu halten, ist für mich eine Herausforderung, da die offene Bühne für mich die ersten Schritte in diese Richtung bedeutet. Insofern ist das Ganze recht spannend für mich, um nicht zu sagen, aufregend.
Und ich hoffe, den einen oder anderen Zuhörer für die raue Zeit des Novembers 1632 begeistern zu können.
10. Zum Abschluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Gibt es bereits weitere historische Geschichten oder Schreibprojekte, an denen du arbeitest? Und worauf freust du dich bei der offenen Lesebühne besonders?
Natürlich arbeite ich derzeit an einem Nachfolgeprojekt, das moderner angelegt ist und 1943 bis 1944 spielt. Das Projekt ist auf mehrere Bände angelegt und wird mich noch nächstes Jahr ausgiebig beschäftigen. Und natürlich wird es dort auch wieder um Pferde gehen.
Was die offene Lesebühne angeht, hoffe ich, eine kurzweilige Lesung abzuliefern, und bin dann gespannt auf die Reaktionen der Zuhörer.
Mein persönlicher Eindruck
Ich finde, die Antworten von Ufke und Thomas geben einen schönen Einblick darin, wie unterschiedlich sich die beiden mit historischen Ereignissen und Epochen beschäftigen und wie viel von ihren eigenen Interessen und Erfahrungen offenbar in ihre Geschichten einfließt.
Besonders schmunzeln musste ich über Ufkes ungewöhnlichen Anstoß zum Schreiben. Dass ausgerechnet die Vermarktung der Varusschlacht mit Varus-Broten, Hermann-Würsten und Thusnelda-Marmelade die Idee zu einem historischen Schelmenroman hervorgerufen hat, ist schon sehr skurril.
Bei Thomas fand ich besonders spannend, wie er seine historischen Kenntnisse mit seinen praktischen Erfahrungen als Reiter und im historischen Fechten verbindet. Gerade seine Schilderungen darüber, wie sich bestimmte Bewegungen oder ein Gefecht tatsächlich anfühlen, fand ich sehr interessant.
Bei beiden Interviews ist mir vor allem die intensive Beschäftigung mit der Geschichte aufgefallen, wenn auch mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Während Ufke offenbar gerne mit Humor und historischen Überlieferungen spielt, scheint Thomas besonderen Wert auf die möglichst authentische Darstellung seiner gewählten Epoche zu legen.
Ich möchte mich jedenfalls ganz herzlich bei Ufke und Thomas für ihre Zeit und die ausführlichen Antworten bedanken. Nun bin ich umso gespannter darauf, bei der offenen Lesebühne einen ersten Eindruck von ihren Geschichten zu bekommen. Und freue mich auf die Veranstaltung!
Informationen zur offenen Lesebühne
Die offene Lesebühne von „Literatur im Lindenwirt“ findet am 12. November 2026 statt und bildet ein besonderes Nachspiel der diesjährigen Lesungssaison.
Beginn ist um 20:15 Uhr. Anders als bei den bisherigen Literaturabenden wird es dieses Mal kein Vorprogramm geben. Auch auf eine Moderation wird verzichtet, sodass die sechs Autorinnen und Autoren, die die Veranstaltungsreihe bereits als Gäste kennen, ganz im Mittelpunkt stehen. Sie werden an diesem Abend jeweils knapp 15 Minuten lang ihre eigenen Texte präsentieren.
Neben Ufke Cremer und Thomas Thalmaier sind auch Lysandra von Malgarten, Markus Gersting, Georg Saathoff und Kim Nexus dabei.
Ab etwa 22 Uhr ist wieder Zeit für das mittlerweile schon traditionelle gemeinsame Essen, bei dem der Abend in gemütlicher Runde ausklingen kann. Wer möchte, kann sich zuvor in eine herumgereichte Essensliste eintragen und den entsprechenden Betrag in ein Körbchen legen. Während einer Pause bestellt Robert Corvus dann das Essen – hauptsächlich Pizza, aber auch Salate oder Nudelgerichte stehen zur Auswahl. Die Lieferung trifft anschließend nach der Veranstaltung ein, sodass alle, die noch ein wenig bleiben möchten, gemeinsam essen, sich austauschen und über die gehörten Geschichten plaudern können.
Die Teilnahme am gemeinsamen Essen ist natürlich vollkommen freiwillig.
Der Eintritt ist frei. Stattdessen wird ein separates Körbchen für freiwillige Beiträge herumgereicht. Der gesammelte Betrag wird anschließend zu gleichen Teilen unter den sechs Auftretenden aufgeteilt.
Eine vorherige Anmeldung ist nicht verpflichtend, erleichtert jedoch die Planung der Bestuhlung. Auch spontane Besucherinnen und Besucher sind herzlich willkommen.
Alle weiteren Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit zur Anmeldung findet ihr auf der Website von Robert Corvus. Dort findet ihr die aktuellen Informationen zur Veranstaltung sowie Hinweise zur Anfahrt und Übernachtungsmöglichkeiten.
Bitte informiert euch vor eurem Besuch noch einmal über den aktuellen Stand, da Änderungen jederzeit möglich sind.
Weitere Beiträge zu „Literatur im Lindenwirt“
Du möchtest noch mehr über die Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“ erfahren? Dann stöbere gerne auch durch meine anderen Beiträge rund um das Projekt. Dort erwarten dich spannende Interviews, persönliche Eindrücke und viele Informationen rund um die besonderen Literaturabende bei Robert Corvus.
Interview mit Robert Corvus zur Lesungsreihe „Literatur im Lindenwirt“
Mein persönlicher Bericht zur Premiere von „Literatur im Lindenwirt“ – Lesung von Robert Corvus
Interview mit Michael Marcus Thurner
Mein persönlicher Bericht zum Lese-Event mit Bernhard Hennen
Interview mit Madeleine Puljic | Nina Hirdt
Interview – offene Lesebühne | Teil 1 – Lysandra von Malgarten & Georg Saathoff
Interview – offene Lesebühne | Teil 2 – Markus Gersting & Kim Nexus
Ihr seid gefragt!
Lest ihr gerne historische Romane oder historische Krimis? Und was ist euch dabei besonders wichtig: möglichst viel historische Genauigkeit oder darf es auch einmal etwas mehr schriftstellerische Freiheit und Humor sein?
Vielleicht habt ihr ja auch eine historische Epoche, über die ihr besonders gerne lest?
Ich freue mich auf eure Kommentare!
Alle wichtigen Hinweise zu Urheberrechts- und Copyright-Angaben sind in meinem Impressum hinterlegt.





